Einfach selbstständig – Existenzgründung für Menschen bis 30 Jahre

Schule ist sinnlos“, wird wohl jeder Schüler im Laufe seiner Schulzeit mal gedacht haben. Auch ich habe mich jahrelang gefragt, warum so viel in das Allgemeinwissen investiert wird und ganz andere Dinge auf der Strecke bleiben. Zum Beispiel worauf man beim Abschluss eines Mietvertrags achten muss oder welche Versicherungen man dringend abschließen sollte.

Genauso ist es mit dem Wissen, das man für eine erfolgreiche Gründung braucht. Oder weißt du, wie man eine Steuererklärung macht? Wie man eine Finanzierungsrunde mit Investoren aufbaut? Oder wie man einen Businessplan schreibt?

In der Schule habe ich so etwas nicht gelernt. Entweder hat man Glück und man hat selbstständige Eltern, Freunde oder Bekannte, die einem weiterhelfen… oder man geht in Brandenburg zum Projekt young companies. Dort wird jungen Gründern mit Mitteln des ESF geholfen. Das Projekt habe ich mir mal angeschaut.    

In der Schule habe ich so etwas nicht gelernt. Entweder hat man Glück und man hat selbstständige Eltern, Freunde oder Bekannte, die einem weiterhelfen… oder man geht in Brandenburg zum Projekt young companies. Dort wird jungen Gründern mit Mitteln des ESF geholfen. Das Projekt habe ich mir mal angeschaut.  

 

 

Existenzgründung für junge Menschen

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich Letschin ganz im Osten Brandenburgs vor der Grenze zu Polen erreicht hatte. Was kann mich hier schon erwarten? Die Antwort ist überraschend. Denn in Letschin gibt es eine gute Infrastruktur. Ohne danach zu suchen, finde ich mindestens einen Bäcker, eine Kneipe, einen Supermarkt, einen Imbiss und sogar einen Coworking-Space. An dem Coworking-Space führt für mich kein Weg vorbei, denn hier bin ich heute zu Gast. Vor Ort begrüßen mich die Standortleiterin Frances Hempp und ihr Geschäftsführer Andreas Jonas von der STIC Wirtschaftsfördergesellschaft Märkisch-Oderland.

Die gute Infrastruktur war für Andreas Jonas ein guter Grund mit dem Projekt young companies nach Letschin zu gehen. Seit 2005 gibt es das Projekt young companies schon, bei dem junge Gründer bis 30 Jahre in die Selbstständigkeit begleitet werden. Zunächst startete die Gründerhilfe in Eberswalde, Frankfurt/Oder und Strausberg. Nach und nach breitete sich das Projekt aus. Heute wird in den bereits genannten Städten sowie in Fürstenwalde, Bernau, Prenzlau, Schwedt, Erkner und eben Letschin Gründerhilfe angeboten. Und die funktioniert in mehreren Ebenen.

Zunächst werden die Idee des Gründers, Motivation, Erfahrungen und weitere Voraussetzungen geprüft. Im Gespräch mit den Beratern können dabei Schwachstellen der Gründungsidee gefunden und beseitigt werden. Manchmal kommt es sogar dazu, dass von einer Gründung abgeraten wird. Doch die Meinung der Berater ist nicht das letzte Wort. Sollte sich jemand dennoch für eine Gründung entscheiden, so wird auch denjenigen geholfen.

Dafür bietet young companies eine Workshopreihe aus zehn Themen an. Dabei geht es um vielfältige Themen, wie z.B. die Idee, Zielgruppen- und Marktrecherchen, Marketing, Werbung und Vertrieb, Steuern, Fördermittel oder Versicherungen. Innerhalb dieser zehn Themen werden die jungen Gründer an den verschiedenen Standorten fit gemacht.

Ist man in der Mobilität eingeschränkt, da man eine Familie zu versorgen hat oder andere Aufgaben und Herausforderungen, so ist es auch möglich die Themen in Webinaren zu erlernen. Die Live-Schulungen über das Internet sind weniger umfangreich, aber bieten dennoch die Möglichkeit Fragen zu stellen.

Für Fragen steht auch der persönliche Berater immer zur Seite, hilft bei der Planung oder Standortbestimmung oder vermittelt Einzelcoachings.

Andreas Jonas erzählt mir, dass sich das Projekt ständig weiterentwickelt und immer neu erfindet. Gestartet wurde mit kleinen sogenannten Bootcamps, in denen ambitionierte Gründer innerhalb von einer Woche Idee entwickelten, gegenseitig vorstellten und weiterentwickelten. Diese Veranstaltungen fanden aber nur vier Mal im Jahr statt. Interessierte Gründer mussten sich also immer eine Weile gedulden. „Das ist heute anders“, sagt Andreas Jonas, „heute kann jeder sofort integriert werden“.

Frances Hempp, Andreas Jonas und ich beim Treffen in Letschin

Von der Dorfschule zum Coworking-Space

Auch die Art und Weise wie gearbeitet wird, hat sich verändert. 2005 waren die Gründerwerkstätten mit stationären Computern noch recht häufig in Benutzung, heute kommen die Gründer mit ihren eignen Geräten. Außerdem hat Andreas Jonas den Eindruck, dass alles immer professioneller wird und sich die Gründer mehr Gedanken machen. Ich schaue über den weitläufigen Hof des Gründerzentrums. Der heutige Standort war früher eine Knabenschule. Vor 207 Jahren verbrachten hier Kinder ihre Pause. Zwei Jahre vor dem Bau der Schule wurde die erste Schreibtafel an einer öffentlichen Schule in Philadelphia eingesetzt. Heute sitzen im Dachgeschoss drei junge Gründer und zwei Dozenten und sprechen über Social Media, ROI (Return-on-Investment) und Influencer Marketing. Es ist schon verrückt wie sehr sich die Welt in 200 Jahren ändern kann.

Unterschiedlicher könnten auch die Ideen der drei jungen Menschen im Dachgeschoss nicht sein. Sören möchte einen Jonglierladen in Eberswalde eröffnen und freie Regalflächen anderen Menschen für deren Produkte zu Verfügung stellen. Er trägt Dreadlocks, Zehenschuhe und könnte in seiner Ausstrahlung kaum freiheitsliebender sein.

Sein Pendant sitzt neben ihm. Michael trägt ein weißes Hemd, eine markante Brille, hat die Haare nach hinten gegelt und hat eine herzliche Ausstrahlung. Er möchte seine eigene Brillenmarke, die sich auf Brillen aus Acetat spezialisiert, positionieren.

Den beiden gegenüber sitzt Elena. Sie ist Fotografin, bearbeitet gerade ein paar Bilder von einem Kindershooting und möchte neuartige Fotografiedienstleistungen anbieten.

Nach fünf Stunden ist der Social Media Workshop vorbei. Die Pause verbringen die Dozenten, jungen Gründer und Organisatoren von young companies im Schatten der Lindenbäume direkt an der Hauptstraße. Hier weht ein leichter Wind, es wird gegrillt und sich über Ideen und Probleme ausgetauscht. Michael wittert seine Chance und fragt Elena nach Tipps. Er möchte seine Brillenkollektion möglichst spiegelfrei fotografieren. Nach einer Stunde Pause geht es weiter.

Das Thema im nächsten Workshop kommt allen drei genau richtig: Gründen ohne Kohle.

Die Rolle des ESF bei young companies

Ohne Kohle hätte das Projekt young companies niemals realisiert werden können. Und ohne die Mittel aus dem ESF und vom Land Brandenburg wäre eine so große Betreuungsintensität nicht möglich gewesen, erklärt Andreas Jonas. Gerade in der Gründung werden viele Fehler gemacht. Durch Workshops, Webinare, Einzelcoachings und die persönliche Betreuung werden viele dieser Fehler korrigiert bzw. vermieden. Daher sei die Überlebensquote der von young companies betreuten Gründungen besonders hoch. Von insgesamt 1165 Projektteilnehmern gründeten 666 ein eigenes Unternehmen. Nach fünf Jahren existieren davon noch etwa 70 bis 80 Prozent der Unternehmen. Das ist ein starker Wert. Noch besser ist, dass diese Menschen in der Region bleiben. „Denn wer gründet, der bleibt.“, sagt Andreas Jonas.